Aristoteles

Aristoteles: Die Rhetorik ist die Kunst,
die möglichen Überzeugungsmittel
zu finden.

Dr. Ulonska Training
Institut für Kommunikation
und Management

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D - 37124 Rosdorf
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Dr. Ulrich Ulonska: Überlegungen zu einer pragmatischen Theorie der Argumentation

Überarbeitete Fassung eines Vortrages der auf der 27. Jahrestagung der Gesellschaft für angewandte Linguistik (GAL) in Erfurt (26.-28.9.1996) gehalten wurde.

"Letzten Endes ist der Redekunst ein Zauber eigen, der sich einer genauen Analyse entzieht"; schreibt der englische Historiker William Carr 1980 in einer Arbeit über Adolf Hitler - und er hat Recht - wenn man bedenkt, dass Hitlers Rede im Bezug auf Logik, passende Bilder und treffende Argumentation wenig zu überzeugen vermag.

Und dennoch: er wirkte.

Unter Argumentation versteht man den Grund, der eine strittige Aussage glaubwürdig macht.

Im gegenwärtigen Forschungsstand lassen sich zwei Richtungen der Argumentationstheorie unterscheiden:

Die rationalistische Argumentationstheorie begreift ausschließlich den Logos als Argumentation (Eggs 1992, 915). Minimalaussagen wie Toulmins inzwischen klassisches Beispiel: "Harry ist Brite" (1975), oder Kienpointers Analysebeispiel: Der Bruder von x ist ein ausgezeichneter Musiker" (1983) lassen sich mit dieser Argumentationstheorie wunderbar analysieren. Sie sind auch ausgezeichnet geeignet allgemein-logische Bedingungen der Argumentation zu untersuchen und zu beschreiben.

In komplexen Persuasionsprozessen wird das erheblich schwieriger. In monologischen Redesituationen oder auch in Gesprächen geben Einzelne oft sehr lange Statements ab. Eine klare Argumentation weicht einer Gesamtwirkung. Darüber hinaus erleben wir es oft in der praktischen Rhetorik, z. B. in der Politik, dass Meinungen, Urteile und Bewertungen auf nicht unbedingt rationale Gründe zurückgeführt werden. Hier greift die "reine Argumentationstheorie" zu kurz.

Theoretisch und praktisch arbeitende Sprechwissenschaftler sind auch gehalten, Wirkung zu verstehen, zu erklären und zu beschreiben. Wenn die Frage zu beantworten ist, was zur Wirkung beiträgt, müssen über die Argumentation und die "Spreche" der actio hinaus möglichst vielfältig Variablen erfasst werden.

Bereits Aristoteles und nach ihm Cicero und Quintillian benennen drei Überzeugungsmittel: Ethos, pathos und logos. Genau auf diesen drei Überzeugungsmittel fußt auch die radikale Argumentationstheorie. Ekkard Eggs hat sie im Historischen Wörterbuch der Rhetorik skizziert.

"In der Argumentation ist der Mensch in seiner Totalität impliziert: als ein mit Vernunft und Sprache (logos) begabtes, politisches, immer auf die Gemeinschaft mit anderen in einer Polis angewiesenes, sittliches (ethos) Lebewesen, das Körper, Affekt und Emotionen (pathos) hat." (Eggs 1992, 915).

Leider bleibt es wieder einmal nur bei der Benennung von ethos, pathos und logos. Die entscheidende Frage bleibt unbeantwortet: Wie funktioniert das denn nun mit dem ethos und dem pathos?

Bernd Spillner (1977) hat die Rhetorik auf folgenden Nenner gebracht: "Die Rhetorik ist der historische Ausgangs- und Schnittpunkt der modernen mit Kommunikation befassten Einzelwissenschaften". Als Sprechwissenschaftler möchte ich diesen Satz für unsere Disziplin umdrehen:

Die Sprechwissenschaft ist der Brennpunkt einer praxisorientierten Anwendung der modernen mit Kommunikation befassten Einzelwissenschaften.

Was aber bieten die modernen mit Kommunikation befassten Einzelwissenschaften zur Analyse von ethos und pathos an?

Die Theorie der kognitiven Dissonanz setzt ebenfalls drei Faktoren für die Wirkung einer Aussage und die Bereitschaft zur Meinungsübernahme oder -änderung. 1. Die Bewertung der Kommunikators, 2. die Vormeinung des Rezipienten und 3. die in der Aussage manifestierte Meinung (vgl. Dröge 1973). Die Sozialpsychologie differenziert eine Einstellung in Kognition, Affekt und Verhalten (vgl. Triandis 1975).

Aus der modernen Einstellungsforschung ist bekannt, dass Versuchsgruppen Sachverhalte unterschiedlich beurteilen, je nachdem welche ethische Einstellung zuvor evoziert worden ist. Wenn in einer längeren Rede oder Gesprächssequenzen der eigentlichen Argumentation eine Narratio voraus geht, so präaktiviert diese Erzählung selektiv Stützen, die die Hörer in der folgenden Argumentation als relevant empfinden. (Vgl. dazu Triandis 1975, 150, Pawlowski 1990, 253)

Konstruktivismus und Klinische Hypnose - vor allem in ihrem neuen Gewand NLP - arbeiten seit langem erfolgreich mit gezielten Modifikationen von Wahrnehmungen (z. B. Grinder/Bandler 1987 und 1988).

Abbildung

Abbildung 1

Zum Entwurf:

Eines möchte ich an dieser Stelle ganz klar betonen: Es geht hier nicht um eine philologisch stringente Argumentationstheorie.

a) Es geht darum wie Sprechwissenschaftler Wirkung differenzierter erfassen und Sprecherzieher sie ggf. differenziert gestalten können.

b) Es geht um eine praktikable Analysemethode bzw. ein Kompendium für ethos und pathos und es geht

c) darum, aufzuzeigen, wie ethos und pathos mit dem "reinen logos" verwoben sind, bzw. es auch ggf. überlagern.

Abbildung 1 zeigt eine klassische Argumentationsdarstellung. Der Übergang von G nach H ist zu stützen.

Unter Argumentation versteht man den Grund, der eine strittige oder zweifelhafte Aussage glaubwürdig macht.

Die Bereitschaft H zu akzeptieren hängt ab von der, oder wird konstituiert durch die Person des Sprechers (z. B, in Situationen, in denen eine Person zur Wahl steht). Die Bereitschaft H zu akzeptieren, hängt von der, oder wird konstituiert durch die affektive Gestimmtheit des Hörers (z. B. bei betrieblichen Motivationsprozessen).

Die Bereitschaft H zu akzeptieren, hängt ab von der oder wird konstituiert durch die Stringenz und Gültigkeit der Argumentation, vor allem für die Rezipienten (z. B. in Diskursen).

Alle drei Variablen korrelieren. Es kann aber auch eine dominieren. Im folgenden werde ich:

a) ein Modell zur Ethosanalyse vorstellen

b) ein Modell zur Pathosanalyse vorstellen

c) ergänzende Wirkungsmittel zum Bereich logos systematisch einordnen.

Den Überlegungen zu einer pragmatischen Theorie der Argumentation liegt eine durchgängige Idee zugrunde: Ethos, pathos und auch logos sind in ihr analog zu den partes artes der antiken Rhetorik untergliedert. So geben bei allen drei Wirkungsmittel inventio, dispositio, elocutio (eingeschränkt memoria) und actio separat Wirkungsaspekte frei. Die Sinnhaftigkeit dieses Vorgehens wird im Folgenden zu beweisen sein:

I. Ethos

I.I. Ethos Inventio

Aristoteles behandelt unter den Topoi für das ethos Tugenden, oder modern ausgedrückt Werte. Ebenso benennen Cicero und Quintillian Werttopoi für die Selbstdarstellung des Redners.

Die Wertforschung ist heute Gegenstand u.a. der Sozialwissenschaften, Philosophie, Sprachpsychologie und Sozialpsychologie. In diesen Disziplinen hat die Wertforschung in den siebziger und achtziger Jahren eine beachtliche Dynamik entwickelt.

So heißt es z. B. in einer sozialwissenschaftlichen Arbeit: "Unternimmt man den Versuch, den Ursachen menschlicher Handlungsweisen in konkreten Situationen des täglichen Lebens nachzugehen, so stößt man dabei, nachdem die anderen Konzepte sich als unzulänglich erweisen, auf grundlegende Wertmaßstäbe, die hinter Verhaltenspräferenzen und ihrem Wandel im Laufe der Zeit zu stehen scheinen" (Hartmann 1979, 210).

In der neueren Sozialpsychologie "wird das Wertkonzept dem Einstellungskonzept sozusagen übergeordnet. Werte determinieren Einstellungen, als auch Verhaltensweisen" (Stapf 1976, 76).

Sind Werte zunächst einmal die Grundlage für die Selbstdarstellung im Ethos des Redners, so berühren sie zugleich die beiden anderen Überzeugungsmittel pathos und logos.

Werte können als elementare Handlungsprogramme bezeichnet werden, die das Handeln des Einzelnen bestimmen, insofern der Handelnde sich durch Werte Ziele setzt, sich an diesen Zielen orientiert, sein Handeln entsprechend strukturiert und ggf. Handlungsalternativen abwägt.

Dieser Vorgang erfordert den thematischen Inhalt und Umfang eines Wertes zu kennen, womit ein Wert in seiner kognitiven Funktion gekennzeichnet ist.

In seiner motivationalen Funktion wird ein Wert als Handlungsimpuls wirksam. Die emotionale Funktion kommt einem Wert hinsichtlich der Emotion zu, mit der er besetzt ist und die er auslöst. (Wiehn 1979, 374)

Bei der praktischen Arbeit mit dem Ethos sind vor allem zwei Fragen zu beantworten:

a) Wie kann ein Wertkorpus zur rhetorischen Analyse erstellt werden?

b) Wie können Werte analytisch erfasst werden?

Einen Korpus von 12 Werten wurde 1990 in "Suggestion der Glaubwürdigkeit" für die Analyse von Hitler Reden ermittelt (vgl. Ulonska 1990). Es sind 12 Werte, die Aristoteles, Cicero und Quintillian benennen und die auf ihre zeitgenössische Relevanz durch den Vergleich mit modernen Ethiken überprüft wurden.

Es handelt sich um: Tapferkeit, Patriotismus, Gerechtigkeit, Fleiß, Gleichheit, Frömmigkeit; Weisheit, Aufrichtigkeit, Mäßigkeit, Freiheit, Zuversicht und Zuverlässigkeit. Damit sind zwei Wertrealisationsformen erfasst: instrumentelle und terminale Werte. Instrumentelle Werte bezeichnen ein Verhalten (wie gehe ich mit etwas um: kämpferisch, gerecht, fleißig, zuversichtlich etc.).

Zum anderen enthält die Aufstellung terminale Werte. D. h. Wertungsobjekte, die als Zielwerte handlungsrelevant sind. (Vaterland, Freiheit, Gleichheit, (soziale) Gerechtigkeit etc.).

Die konkrete Redeanalyse erfolgt im Rahmen einer Interpretation der semantischen Hörer der einzelnen Werte. So wurden z. B. Aspekte wie:

„Jahrzehntelanges Ringen, schweren Belastungen standhalten, jemanden aus seiner Deckung ziehen, sich durchringen, Entschlossenheit, mit etwas ringen, stark sein" dem Wertbereich Tapferkeit zugeordnet (vgl. Ulonska 1990, 130 ff.).

In der Untersuchung von Hitlers Reden (1990) konnte diese Methode gut angewendet werden. Eine anschließende vergleichende Untersuchung von H. Kohl und O. Lafontaine brachte deutliche und interessante Unterschiede in der Selbstdarstellung beider Redner zu Tage (Ulonska 1991). Aus Heidelberg liegt inzwischen eine sprecherzieherische Examensarbeit mit dieser Methode vor (Schmurr 1993).

Werte allein reichen für die Analyse im Bereich Inventio noch nicht aus. Psychologie und Sozialpsychologie legen "den Werten Bedürfnisse zugrunde" (Graumann 1969, 228).

"Durch die Situationsbezogenheit, wie vor allem auch durch die Fassung des Bedürfnisses als "Bereitschaft", sich das zur Befriedigung Erforderliche zu verschaffen, ist das Bedürfnis-System unmittelbar mit der Überzeugungs-Werte-Matrix verbunden. Wert bezieht sich entsprechend auf diejenigen Gegenstände oder Situationen, denen sich der Handelnde in Hinblick auf die jeweilige Bedürfnis-Aktivation und auf seine entsprechenden Überzeugungen nähert bzw. von Ihnen entfernt" (Graumann 1996, 283).

Innerhalb der Vielfalt der Bedürfnis- und Motivationstheorien bietet die Bedürfnispyramide von A. Maslow den Vorteil einer klaren und wenige Kategorien umfassenden Systematik, die das Problem des abnehmenden Grenzzuwachses bei stärkeren Differenzierungen im Rahmen hält.

Die Bedürfnisanalyse kann ebenso wie die Wertanalyse content analytisch semantischer Höfe erfassen.

I.II. Ethos-Dispositio

Die Tür schlug zu und die Kerze fiel um. Das muss nichts miteinander zu tun haben. In der Logik heißt es dazu: temporale Bezüge sind nicht unbedingt kausale Bezüge. Anders in der Rhetorik: temporale Bezüge werden oft als kausale Bezüge aufgefasst (vgl. Ulonska 1995a). Die Tür schlug zu und deswegen fiel die Kerze um. Gerade die Disposition der Redeinhalte, Werte und Bedürfnisse leistet Entscheidendes für die zeitstrukturierte Wirklichkeitswahrnehmung.

Je nachdem an welcher Stelle einer Sprechhandlung mit welchem Grad der Intensität Werte und Bedürfnisse aktiviert werden, evozieren sie unterschiedliche Einstellungen (Intensität ist gleich Häufigkeit und Ichbeteiligung der Zuhörer).

Darüber hinaus entwickeln Redner im Laufe längerer Redepassagen unterschiedliche Schwerpunktsetzungen ethischer Topoi und erzielen damit bestimmte Wirkungen. Die Zeitstrukturabbildung ermöglicht eine klare Darstellung sonst kaum nachvollziehbarer Entwicklungen. (Typisch z. B. bei den frühen Hitlerreden, bei denen er vor Arbeitern sprach, ist eine Entwicklung von Topoi der (sozialen) Gerechtigkeit' zu Topoi des Patriotismus am Redende. Er lenkte damit die Einstellungsbereitschaft von dem Schwerpunkt der sozialen Gerechtigkeit zu einer patriotischen (deutschen) Sichtweise. Die folgende Abbildung zeigt, wie Hitler Semanteme des Wertbereichs Tapferkeit in seiner Rede zu einem „Kraftrausch“ steigerte.

Tapferkeit

Abbildung 2

Auch in Rede- oder Gesprächspassagen ohne ersichtliche Argumentation erfolgt pragmatisch eine Variation der Einstellunsgbereitschaft. Zuhörer mit einer derart gerichteten Einstellungsbereitschaft empfinden dann bestimmte Stützen einer Argumentation besonders relevant bzw. werden in der Hierarchie individueller Wertungen beeinflusst. Die Werthierarchie determiniert darüber hinaus affektiv- emotionale Gestimmtheiten, Verhaltenspräferenzen und kognitiv-wertgebunden Einstellungen.

In seiner argumentationstheoretischen Dissertation fällt z. b. Albert Herbig (1991) auf, dass Helmut Kohl in Interviews bei der Beantwortung konkreter Fragen oft sehr weit ausholt. Er leitet das typischerweise mit Formulierungen ein wie: "zunächst einmal ... ". In diesem narrativen Vorfeld besteht die Möglichkeit gezielt Einstellungsbereitschaften zu modifizieren.

I.III. Ethos-Elocutio

Bei der ethos-elocutio geht es nicht um die Figurenlehre im klassischen Sinne. Vielmehr geht es darum, wie ein Redner Werte sprachlich realisiert.

Ein Sprecher äußert sein ethos nicht nur, indem er Werte explizit anspricht, sondern in dem er Aussagen über Andere macht, sagt er auch zugleich immer auch etwas über sich selbst. Die Aussage: "Wenn xy zu feige und zu schwach ist ... ", lässt Rückschlüsse auf die Durchsetzungsfähigkeit des Sprechers zu. Sobald er Handlungen bewertet, abwertet, aufwertet wird zugleich auch des Redners Ethos deutlich. Für die Analyse von Hitlers Rede wurde 19980 ein 8-Kategorien-System angewendet. Es umfasste Persönliche Erzählungen, sittliche Ermahnungen, Das Erwähnen von Taten, Das Erwähnen von Zielen, Abwertungen, Abgeben von Zeugnissen über andere, das Berufen auf andere und Aussagen eines fiktiven Sprechers (vgl. Ulonska 1990). Besonders ergiebig ist auch an dieser Stelle die Abbildung auf der Zeitachse der Dispositio.

Die sprachlichen Realisationsformen der ethos-Werte und Bedürfnisse in der Relation Quantität/temporaler Verlauf erlauben Rückschlüsse auf das mit Werten und Bedürfnissen verbundene pathos, denn die sittliche Ermahnung ist zugleich auch eine besonders pathosträchtige Wertrealisationsform: "Nur der, wer, nur dann, wenn, es kommt darauf an, es kann uns nicht einerlei sein, wenn ..." (vgl. Ulonska 1991, 97 fl). Die Abbildung zeigt die Kulmination der Umsetzungsformen “Sittliche Ermahnung, Taten und Ziele” in einer Rede Hitlers vom 12.4.1922

sittl. Erm

Abbildung 3

I. IV. Ethos-Memoria

Memoria umfasst in der Terminologie der klassischen Rhetorik die vielfältigen Möglichkeiten geplante Sprechhandlungen zu speichern. Zugleich ist die Person des Redners selbst, wenn sie davon spricht auch immer ein "Speicher" bereits vollzogener Taten, Gedanken, Maximen und Prinzipien. Die ethosmemoria erfasst zentrale Maximen und Prinzipien dieses Redners, die - indem er während des Sprechens aus ihnen schöpft - zugleich auch zu seiner Ethos-Darstellung beitragen. (Artistoteles: das Ethos muss in der Rede sichtbar werden).

i.V. Ethos-Actio

Die actio umfasst nonverbale vokale und nonverbal nonvokale Merkmale der Präsentation Sprechausdruck und Körpersprache.

Sie ist einer der traditionellen Arbeitsbereiche der Sprecherziehung und Sprechwissenschaft. Jedoch ist die actio eben auch nur ein Aspekt unter fünfen der Rubrik ethos innerhalb einer pragmatischen Theorie der Argumentation.

II. Pathos

II. I. Pathos-Topoi

Emotionen sind insbesondere seit der Beginn der 80er Jahre ein Forschungsschwerpunkt. (vgl. Fiehler 1990) Für das vorliegende Argumentationsmodell ist ein dort nicht berücksichtigtes, einfaches und zugleich sehr aussagefähiges Modell aus der Rhetorik des Aristoteles effektiv einsetzbar. Dieses Grundmuster des pathos bei Aristoteles hat Markus Wörner auf der GAL-Tagung 1982 vorgestellt (vgl. Wörner 1983).

Auf der GAL Tagung 1995 in Kassel wurde diese Struktur für die sprechwissenschaftliche Analyse modifiziert und exemplarisch angewendet (vgl. Ulonska 1995). Innerhalb einer pragmatischen Theorie der Argumentation ist es sinnvoll das Pathos ebenfalls unter den Aspekten inventio, dispositio, memoria und actio zu betrachten. Aristoteles bearbeitet in der Rhetorik eine Reihe von Pathos-Topoi. Seine Topos-Sammlung ordnet jeden einzelnen Affekt nach einem durchgängigen Grundmuster. Die erste Frage lautet jeweils: Wie ist die Stimmung der Zuhörer bzw. in welche Stimmung oder Verfassung ist der Hörer zu bringen? (Aristoteles 1980, 84, Wörner 1981, 62).

Der zweite Schritt beschreibt, wem gegenüber man gewöhnlich den betreffenden Affekt empfindet. Letztlich sammelt Aristoteles Gründe und Sachverhalte, die den betreffenden Affekt zum Ausbruch bringen.

II.II. Pathos-Dispositio

Das pathos ist nicht, wie es in der Sprecherziehung oft aufgefasst wird, eine Ausdrucksform des Sprechers, sondern vor allem und in erster Linie eine Reaktionsweise von Rezipienten. Je nachdem, wie Inhalte angeordnet sind, verändern sie die Wirklichkeitswahrnehmung der Zuhörer. Gerade die zeitstrukturierte Wahrnehmungssteuerung macht es möglich, neutrale Hörer in einen Affekt zu leiten. Aristoteles benennt drei Schritte:

A) Verfassung der Zuhörer

B) Gegenüber wem

C) Über welche Dinge

Eigene Experimente mit Lerngruppen haben gezeigt, dass diese Disposition sehr gut geeignet ist a) Affekte zu induzieren und b) zu analysieren.

Untergliedert in partes artes wird die enge Verwobenheit von ethos und pathos besonders deutlich, denn:

1) Kein Redner kann die Bühne betreten und ein unvorbereitetes in neutraler Ausgangslage befindliches Publikum ad hoc in einen Affekt führen. Der Hörer muss dem Redner vertrauen um ihm in den Affekt zu folgen. Er muss auch annehmen können, dass dieser Affekt zu Recht besteht. Das zu leisten ist die Aufgabe des Ethos am Redebeginn.

2) Phase zwei der Affekterregung fordert die Charakterisierung des Affektobjektes. Wem oder was gegenüber soll dieser Affekt ausgelöst werden. Um diese Aufgabe erfüllen zu können, braucht der Redner also detaillierte Kenntnisse über die ethos-Gestaltung.

II.III. Pathos-Elocutio

Hier hat die bekannte "Rhetorik der Affekte" von Heinrich Plett (1975) ihren Platz. Bestimmte Figuren der elocutio sind für das pathos besser geeignet als andere. Darüber hinaus sind z.B. sittliche Ermahnungen typische Stilelemente des pathos (vgl. Ulonska 1990:97ff und 267ff).

II.IV. Pathos-Memoria

Der Affekt hat Erlebtes hinter sich. Ein Affektadressant muss einen Affekt bereits einmal erlebt haben, nur dann kann der Redner dieses Gefühl auch wieder auslösen. Man denke an Asterix und die Normannen. Die Normannen kennen keine Angst. Erst durch den Gesang des Barden Troubadix erleben sie die Hölle auf Erden. Das möchten sie nie wieder erleben. Jetzt wissen sie, was Angst bedeutet.

II.V. Pathos Actio

Analog zur ethos-actio müssen auch in diesem Arbeitsbereich nonverbale vokale und nonverbal nonvokale Merkmale der Präsentation eine stimmige Einheit mit dem Gesagten bilden.

III. Logos

Arbeiten zur "reinen Argumentation" füllen Bibliotheken. Eine pragmatische Theorie der Argumentation ist gehalten, bisher nur peripher beachtete Wirkungselemente einzubeziehen. Das ermöglicht auch hier wiederum die Differenzierung in die Arbeitsbereiche der partes artes.

III.I. Logos Inventio

Was sind denn nun Werte, Normen und Bedürfnisse, die in vielen theoretischen Arbeiten zur Argumentation immer wieder als Stützen aufgeführt werden? Die ethos Inventio stellt ein heuristisches Raster für die Analyse der Argumentation. Bemerkt man, dass die Auswahl der ethos-topoi zu eng gefasst wurde, beginnt ein hermeneutische Prozess, in dem aus dem Zusammenwirken von ethos und logos ein praktikables Analyseinventar entsteht.

Auch an dieser Stelle wird die enge Verflochtenheit der drei Überzeugungsmittel ethos, pathos und logos wieder deutlich. Stützt ein Sprecher Argumentationen durch Werte, so zeichnet er damit immer wieder ein Bild von sich selbst.

Albert Herbig (1991) führt beispielsweise Argumente bzw. Schlussregeln immer wieder auf z. B. den Topos Gerechtigkeit zurück. Gerechtigkeit ist ebenfalls ein Wert der Ethos-Selbstdarstellung.

III.II. Logos Dispositio

Die Unterscheidung in induktive und deduktive Argumentation ist für die Logik peripher. Für die Pragmatik ist die Reihenfolge Zielaussage und Begründung oder Begründung und dann Zielaussage ein bedeutender Unterschied.

III.III. Logos Elocutio

Hierher gehören u. a. die bisher kaum systematisch zu platzierenden (vgl. dazu Spurte 1975, 1976, 1981) allgemeinen Topoi des Aristoteles, wie z. B.: "Wenn es Euch nicht zur Schande gereicht zu verkaufen, so gereicht es auch uns nicht zur Schande zu kaufen" (Aristoteles 1980, 144 ff.).

Die jeweilige Regel bestimmt den formalen Charakter der Argumentation und garantiert zugleich deren Überzeugungskraft (Sprute 1981).

Wie strukturiert wäre manche Analyse, wenn sie hier differenzierte (vgl. Eggs 1996, 182 zum aristotelischen Topos des mehr und minder).

III.IV. Logos Memoria

Memoria ist hier zunächst einmal zu vernachlässigen.

III.V. Logos Actio

Auch für den logos muss die actio dem stimmigen Einklang mit dem Gesagten unterstreichen.

Ich halte fest:

Ausgangspunkt der Überlegungen zu einer pragmatischen Theorie der Argumentation war die systematische Untergliederung von ethos, pathos und logos in inventio, dispositio, elocutio, in Grenzen memoria und actio.

Wenn es darum geht Wirkung über reine Argumentation und actio hinaus differenziert zu beschreiben, so ist mit den Wirkungselementen ethos, pathos noch reichlich Ernte in die Schober der Sprechwissenschaft einzufahren. Wenn die antike Rhetorik dafür die Systematik bereitstellt, so ist es Aufgabe der Sprechwissenschaft. Brennpunkt einer praxisorientierten Anwendung der modernen mit Kommunikation befassten Einzelwissenschaften zu sein.

Literatur:

ARISTOTELES: Rhetorik. München 1980.
CARR, W.: Hitler, Stuttgart 1980.
CICERO, M. T.: Über den Redner, Stuttgart 1976.
DRÖGE, F.: Wirkungen der Massenkommunikation. FfM. 1973.
EGGS, E.: Argumentation. In: Ueding, G.: Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Tübingen 1992.
DERS.: Formen des Argumentierens in Zeitungskommentaren. In: Hess-Lüttisch, E. u. a.: Textstrukturen im
Medienwandel. FfM 1996.
FIEHLER, R.: Kognition und Emotion. Berlin 1990.
GRAUMANN, C. F.: Sozialpsychologie. Göttingen 1969.
GRINDER, J./BANDLER, R.: Therapie in Trance. Stuttgart 1988.
DIES.: Die Struktur der Magie. Bd. 1 und 2. Paderborn 1987.
HARTMANN, K. D.: Werthaltungen als Handlungsregulative. In: Kmieciak, P.: Wertwandel. FfM 1979.
HERBIG, A.: Sie argumentieren doch scheinheilig. FfM 1992.
KIENPOINTER, M.: Argumentationsanalyse. Innsbruck 1983.
MASLOW, A. H.: Motivation und Persönlichkeit. Olten 1977.
PAWLOWSKI, K.: Topos und Wahrnehmungssteuerung. In: Geißner, H.: Ermunterung zur Freiheit. FfM.
990.
QUINTILIAN, M. F.: Ausbildung des Redners. 2 Bde. Darmstadt 1972.
SCHMURR, K.: Menschenfreund und Ehrenmann. Unveröff. Heidelberg 1993.
SPILLNER, B.: Das Interesse der Linguistik an der Rhetorik. In: Plett, H. F.: Rhetorik. München 1977.
SPRUTE, J.: Topos und Enthymen in der aristotelischen Rhetorik. In: Hermes 103. 1975.
DERS.: Der Zweck der aristotelischen Rhetorik. In: Patzig, J.: Logik, Ethik, Theorie der Geisteswissenschaften. Hamburg 1976.
DERS.: Aristoteles Theorie rhetorischer Argumentation. In: Gymnasium 88; H. 3/4.1981.
STAPF, K.: Einstellungsmessung und Verhaltensänderung. In: Stachowiak, H.: Bedürfnisse, Normen und Werte im Wandel. München 1982.
TOULMIN, S.: Der Gebrauch von Argumenten. Kronberg 1975.
ULONSKA, U.: Suggestion der Glaubwürdigkeit. Hamburg 1990.
DERS.: Was nun Herr Kohl, was nun Herr Lafontaine. In: Sprechen II/91.
DERS.: Zur Rhetorik der Affekte. In: Sprechen II/1995.
DERS.: Was nun Herr Kohl, was nun Herr Lafontaine. In: Sprechen II/91.
DERS.: Zur Rhetorik der Affekte. In: Sprechen II/1995.
DERS.: Die Kunst der Gesprächsführung im Geschäftsleben. In: Karriereberater 6/1995 a. Bonn.
WÖRNER, M.: Die argumentative Funktion von Affekten beim Reden. In: Kühlwein, W./Raasch, A.: Stil. Tübingen 1982.
TRIANDIS, H. C.: Einstellungen und Einstellungsänderungen. Weinheim 1975.
WIEHN, E. R.: Grundwerte in Europa. In: Kmieciak, P.: Wertwandel, FfM 1979.

Autor:

Dr. Ulrich Ulonska
Universität Witten Herdecke
Universität Linz (A)
Universität St. Gallen (CH)
Privatanschrift:
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