Aristoteles

Aristoteles: Die Rhetorik ist die Kunst,
die möglichen Überzeugungsmittel
zu finden.

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Dr. Ulrich Ulonska: Ethos und Pathos in Hitlers Rhetorik zwischen 1920 und 1933

In: Walter Jens u.a.: Rhetorik 16. Ein Internationales Jahrbuch. Tübingen

Hitlers Rede ist aus der Sicht einer literarisch orientierten Rhetorik oft bewertend als schlecht abgetan worden. Zurecht, wenn man bedenkt, dass seine Rede im Bezug auf Logik, passende Bilder und treffende Argumentation wenig zu überzeugen vermag. Und dennoch: er wirkte. Eine Rhetorik, die nur Negatives bemerkt, muss es sich sagen lassen, in einem wirkungsbezogenen Sinne an der Realität vorbei interpretiert zu haben. (1) Wie aber begeisterte Hitler die Massen durch seine Rhetorik?

Wenn man auf Grund empirischer Befragungen Gefühlserlebnisse in einer Skala zwischen den Dimensionen >angenehm-unangenehm< (Lust/Unlust; Bedürfnisspannung/ Lösung) und >Unterwerfung-Überhebung< einordnet, führt das zu folgendem Ergebnis:

a_Hitler1_1

 Abb. 1. System der Gefühlsqualitäten auf Grund von Schätzurteilen. Nach TRAXEL 1963.

Wenn wir die von Hitler im Verlauf der Rede geweckten Emotionen auf dem Hintergrund dieses Schemas interpretieren, ist die folgende Systematisierung möglich:

1.) Zu Beginn der Reden schildert Hitler die allgemeine Not, stellt Grund- und Sicherheitsbedürfnisse, Gerechtigkeit und soziale Gerechtigkeit als suspendiert dar. Er stimmt die Zuhörer auf die Gefühlsqualitäten des oberen linken Quadranten ein: Der Zuhörer wird in Angst und Sorge versetzt und erlebt eine Unlust, eine Anspannung in dem Gefühl, ausgeliefert und unterworfen zu sein (linker oberer Quadrant).

2.) Es folgt eine Phase der Diffamierung und der wilden Affektauslösung. Hitler erzeugt Hass, Abscheu, Widerwillen, Ärger, Zorn gegen »das System«, die anderen Parteien und die Juden (rechter oberer Quadrant). Der Zuhörer erlebt unangenehme Gefühle, aber er ist a) besser als die Diffamierten (Überhebung) und hat b) die Hoffnung auf vollständige Bedürfnisbefriedigung.

3.) Gegen Redeende steigert Hitler die »Wir«-Gruppe zu einem engagierten Kampfeswillen und schildert dem Zuhörer die Vision der Volksgemeinschaft in einem blühenden, starken Deutschland. Hitler legitimiert Ziele, Taten und die deutliche gesteigerte Aggression mit »sittlichen« Motiven. Der Zuhörer, noch voller Aggressionslust gegen die vorher aufgedeckten infamen Machenschaften, begehrt diesen Zustand, der ihn mit Stolz, Triumphgefühl und Freude erfüllt, die angenehme Überhebung erlebt er als Bedürfnisbefriedigung (rechter unterer Quadrant).

4.) In der peroratio spricht Hitler von sich. Er hat die ethischen Grundlagen seines Handelns offenbart, Ziele, Taten benannt und sich als »ethischen Kämpfer« präsentiert. Wenn ein Mensch so an Wert überlegen zu sein scheint, wie Hitler sich darstellt, liegt es nahe, Ehrfurcht zu empfinden (Unterwerfung). Da dieses anscheinend überlegene Wesen aber für die Interessen der Zuhörer kämpft, ist das angenehm (linker unterer Quadrant). Der kollektiv vereinte Zuhörer unterwirft sich dem Ich der glorifizierten Selbstdarstellung des Redners. Wie kommt diese Einschätzung zustande?

Betrachten wir zunächst Hitlers Reden daraufhin, wie er Werte seiner Selbstdarstellung (ethos) einbringt. Fünf Wertrealisationsformen sind dafür relevant:

a) persönliche Erzählungen, mit denen Hitler Werte neutral anspricht, z. B. für eine kämpferische Selbstdarstellung mit Aussagen wie: »Den Kampf gegen das Zentrum führen wir mit jedem unserer Kandidaten durch.«

b) Diffamierungen. Wenn Hitler seinen Gegnern z. B. Mut abspricht, demonstriert er damit seine eigene Tapferkeit: »[ ... ] denn ihr wagt es ja nicht einmal mehr uns mit offenem Visier gegenüberzutreten.«

c) sittlich wertvolle Ermahnungen:

- in Form von Imperativen: »treffen sie diese Entscheidung ganz, treffen sie keine Halbheiten.«

- in Form von Verboten und Geboten. »[ ... ] dass sich keiner einbildet er sei wichtiger als der andere.«

- in Form von Umwertungen: »Nicht wichtig ist, ob einer Bürger oder Proletarier oder Arbeitnehmer ist, wichtig ist, dass er zunächst lernt wieder ein Deutscher zu sein.«

- in Form von Definitionen: »Der Himmel sagt: auf dieser Erde sind alle gleich in ihrem Recht zum Leben und

 sie haben das Recht, dieses Recht zu verfechten.«

- in Form von Relationen: »Wer das Leben nicht selbst behauptet, der hat kein Recht zu diesem Leben.«

d) Taten: »Für mich ist es ein großer Stolz, dass ich diese Partei nach 13 Jahren zu Füßen des Herrn Generalfeldmarschalls gezwungen habe.«

e) Ziele: »Das System, das an Deutschland sich versündigt hat, muss weichen«.

Bemerkenswert ist Hitler Disposition der unterschiedlichen Wertansprachen auf der Zeitachse der dispositio:

a) Hitler beginnt seine Reden stets mit einer ausgedehnten Phase neutraler persönlicher Erzählungen, in der er seine Selbstdarstellung mit den Interessenlagen und Vorerwartungen des Publikums abgleicht.

b) Es folgt eine negative Phase der Diffamierungen und negierten Werte, die zu einer Desorientierung und starken intrapersonellen Spannung der Zuhörer führt.

Den besonders wichtigen Redeabschluß bildet eine positive Aufbauphase mit »sittlich wertvollen Ermahnungen«, Zielen und dann Taten. (3)
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Abb. 2: :Addition durchschnittlicher Umsetzungsformen

In Hitlers Selbstdarstellung dominieren quantitativ die Wertbereiche Tapferkeit, Fleiß und Patriotismus. Er vermittelt der Eindruck eines engagierten, unermüdlichen Kämpfers für Deutschland. Zuverlässigkeit, Aufrichtigkeit, (soziale) Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit sind ebenfalls vertreten. Fragt man nun danach, was das spezifisch massenwirksame an Hitlers Wert-Selbstdarstellung gewesen sein mag, so offenbart sich eine pragmatische Dynamik auf der Zeitachse der dispositio. Hitler steigert signifikant aggressive Vokabeln, Bilder und Metaphern des Wertbereichs Tapferkeit (vgl. Abb. 4). Er verdichtet die Kampfmetaphorik zu einem ekstatischen Kraftrausch, der nicht nur ihn als einen besonders befähigten Kämpfer für die Interessen der Gruppe ausweist, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit auch dem einzelnen Zuhörer einen subjektiven Kraftzuwachs suggerierte.

Dabei fällt auf, dass Hitler Werte der (sozialen) Gerechtigkeit nur am Redebeginn einsetzt, sich dann aber quantitativ zu einem massiven Patriotismus in der peroratio steigert. Der Nationalsozialismus entpuppt sich vor allem als kämpferischer Nationalismus. (Eine Entwicklung die pars pro toto für Hitlers politische Entwicklung in der Weimarer Zeit steht.) (4)

"Rhetorisch schwach, gedanklich gleich null, bleibt an Hitlers Rede als wirksamstes Moment nur seine Fähigkeit, Gefühlserregungen zu übertragen." (5)

Im folgenden werde ich 1. am Beispiel einer frühen Rede Hitlers zeigen, dass Hitler, wenn er Affekte schürte, nach einem Strukturprinzip vorging, das bereits Aristoteles beschrieben hat und 2. aufzeigen, wie Ethos und Pathos als Affekte zusammenwirken und vereinigt werden können. Aristoteles benennt innerhalb des Arbeitsgebietes dispositio eine deutliche Strukturabfolge für die Affekterregung.(6) Ein beliebiger Affekt X, der als Überzeugungsmittel fungieren soll, hat zu seiner Voraussetzung:

a) eine bestimmte Verfassung des Hörers, die, wie in neueren motivationspsychologischen Theoremen, durch eine Spannung von Lust/Unlust gekennzeichnet ist.(7)

b) eine bestimmte Person (oder Gruppe), der gegenüber X besteht,

c) einen bestimmten Sachgrund, warum X besteht. (8)

Betrachten wir die Endphase der Rede vom 12. 4. 19229. Einstimmungsphase und diffamierender Mittelteil sind nach neunzig Minuten Redezeit abgeschlossen.

Hitler leitet die Aufbauphase der Rede ein, die eine Stunde dauern wird. In den drei Schritten des Affektaufbaus beschrieben, wendet er dabei folgende Strategie an:

a) Die Disposition der Zuhörer. Die Desorientierung und Spannung der Zuhörer steigt, da Hitler lautstark zunächst nur die Unfähigkeit des »Systems« und die Ausweglosigkeit der Situation verkündet. Die Zuhörer sind nach eineinhalb Stunden Schrecken und Grauen begierig nach einer Spannungslösung und »reif« für Hitlers nationalsozialistische Ideen.

b) Gegenüber wem besteht der Affekt? Hitler kündigt die Spannungslösung langsam an:

"Aber in dieser ganzen Masse läuft bereits ein neuer Strom mit, der sich abzusondern beginnt, ein Strom, der Widerstand leistet. Es ist die Erkenntnis, die dieses System bereits verfolgt, ihm nachjagt und die Massen dereinst aufpeitschen und aufreißen wird. Die Erkenntnis der Masse aber bedeutet das Ende dieser Führer." (10) 

c) Der Grund des Affektes. Hitler beginnt von nun an den Plan einer besseren Zukunft zu entwickeln. Mit Zielen, Taten und sittlichen Ermahnungen beschwört er die Utopie der Volksgemeinschaft. in der nun entstehenden >deutsch/wir<-Gruppe entfaltet Hitler dominierend die Werte, die der nationalsozialistischen Metapher von Schwert und Pflug des deutschen Menschen zugrunde liegen: Tapferkeit, Fleiß und Patriotismus.

"Wir wollen über all die kleinlichen Gegensätze hinweg das Große, uns gemeinsam Bindende herausgreifen; [...] Sie müssen lernen, dass es in einem Staat nur ein einziges höchstes Bürgerrecht und eine einzige höchste Bürgerehre gibt, das Recht und die Ehre der ehrlichen Arbeit; [...] in grenzenloser, alles umspannender Liebe zum ganzen Volk handeln; [...] überzeugt sein, von der Güte und der ehrlichen Redlichkeit der Volksgemeinschaft; [...] in Deutschland [...] da kann es keine Klassen geben, da gibt es nur ein Volk und weiter nichts; [...] so groß darf der Kampf nie werden, dass darüber die Bande der Rasse zerreißen; [...] Arbeit soll das große Bindeglied sein; [...] Die Schaffenden [...] sind das Edelvolk unseres Staates, das ist das deutsche Volk; Und selbstverständlich: Kampf ist und bleibt Kampf. Mit Streicheln geht das wahrhaftig nicht." (11)

Hitler löst die vorher erzeugte Spannung der Zuhörer, erweckt durch sittliche Ermahnungen, Ziele und Taten pathetische Ergriffenheit und Hoffnung.

In der letzten Viertelstunde wendet er sich der abschließenden direkten, glorifizierenden Selbstdarstellung zu, die ebenfalls wieder in drei Schritten beschrieben werden kann. a) Verfassung. Nachdem die Zuhörer Hitler durch Furcht, Schrecken, Hass, Neid und Zorn gefolgt sind, empfinden sie in der positiven Aufbauphase angesichts von Zielen, Taten und sittlichen Ermahnungen Ergriffenheit.

b) Gegenüber wem? Hitler spricht die letzten fünfzehn Minuten nur von sich. in dieser frühen Rede führt er seine Person über einen Vergleich mit Christus ein:

“Vor 2000 Jahren wurde auch ein Mann denunziert; [...] der Mann wurde vor das Gericht geschleift, und damals hieß es auch er wiegelt das Volk auf. [...] 13 Jahre lang haben wir jetzt gearbeitet, und mit Stolz kann ich sagen, dass ich mein redlich Teil an dieser Arbeit mitgetragen habe." 12)

c) Über welche Dinge will Hitler ein Gefühl auslösen?

“Ich habe damals, als es Blut kostete, auch mein Deutschtum vertreten (Bravo!-Rufe). Ich habe damals nicht politisiert, und ich habe damals auch nicht geredet, ich habe mich damals auch nicht irgendwo herumgetrieben und das Volk aufgeklärt. Ich habe damals meine Pflicht getan als deutscher Soldat. Jetzt aber tue ich sie als deutscher Bürger (stürmischer Beifall)! Man sagt mir nun durch den Mund des Grafen Lerchenfeld: Wir wollen Ihre Auszeichnungen nicht heruntersetzen! Das kann man auch gar nicht (sehr richtig)! Daran klebt der Schmutz von Frankreich und der Schlamm von Flandern und mein eigenes Blut dazu... Das kann mir kein Himmel, und keine Hölle, kein Teufel und auch kein Graf heruntersetzen (stürmischer Beifall)! Und wenn man mir nun droht, mich auszuweisen, dann habe ich darauf nur eine einzige Antwort zu geben: Was man mit mir tut, soll man tun. Ich bin nicht der letzte und bin auch nicht der erste Deutsche, der den Boden seines Vaterlandes - denn das ist dieser Boden für mich - verlassen musste. Es gibt kaum einen, selbst unserer größten Deutschen, der nicht zu einer Zeit aus Deutschland flüchten musste. Gewiss, der ist schmerzvoll, aber glauben Sie nur ja nicht, damit mich oder irgend etwas anderes ändern zu können. Was ich einmal als wahr erkannt habe, das vertrete ich nicht nur hier, sondern auch über dieser Grenze. Man mag mich ausweisen, wohin man will. Eines wird man mir niemals rauben können: den Stolz, dass ich trotz allem ein Deutscher bin und als Deutscher handeln werde (stürmischer, sich wiederholender Beifall). 13

Die Grafiken zeigen, dass Hitler in der peroratio der Rede a) deutlich die direkte Selbstdarstellung in Form von Ich-Erzählungen (Schlüsselwortquantifizierung) steigert und b), dass er diese Selbstdarstellung in einer signifikant kämpferische gestalteten Redephase vollzieht.

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Abb. 3: Ich-Verlauf 12.4.22

Hitler Ich

   Abb. 4: Tapferkeit 12.4.22

Hitler verbindet sittliche Ermahnungen und die Darstellung seiner eigenen Person. In >ethischen Postulaten< wird er zum >Über-Ich< des kollektiven Gewissens. Hitler stellt sich als allen anderen überlegen dar, denn auf Grund dieser Selbstdarstellung erscheint er nicht nur allen an Kraft und Leidenschaft, sondern auch an ethischem Anspruch überlegen. Wenn er seine moralische und kämpferische Überlegenheit darstellt, erreicht Hitler dadurch, dass der Hörer ein bestimmtes Gefühl empfindet:

"Jedes Pathos [...] zieht [...] Werte heran, die [...] über dem eigenen Kraftniveau liegen, wodurch im Gegensatz zum Gefühl der Überlegenheit eines der Bewunderung ins Bewusstsein gerufen wird." (14)

Mit Hilfe der beschriebenen Strategien versteht Hitler es, sich Selbst, sein Ethos so darzustellen, dass es zum Anlass eines Pathos bei den Zuhörern wird. Wenn in der Antiken Rhetorik

"[...] die Vereinigung beider Effekte als überaus schwierige und immer zu erstrebende Aufgabe [gilt], auf deren erfolgreicher Lösung die höchste Wirkung der Rede beruht,"(15)

hat Hitler am Ende der Rede dieses rednerische Ziel erreicht.

Ich halte fest: Hitlers oft mystifizierte "Fähigkeit zur Gefühlsübertragung" ist das Produkt einer kognitiv-topischen Steuerung, die Hitler exakt so vollzieht, wie Aristoteles es in der Rhetorik beschrieben hat. In einem Spannungsverhältnis von Unlust/Lust führt er die Zuhörer in drei Schritten zum Affekt:

Er greift die Verfassung der Hörer auf, kennzeichnet, wem gegenüber der Affekt ausgelöst werden soll und beschreibt die Dinge, die den Affekt auslösen.

Er durchläuft das ganze Register menschlicher Emotionen, bis er sein Ziel erreicht: durch eine geschickte Redetechnik suggeriert Hitler dem Zuhörer, ergriffene Ehrfurcht vor ihm zu empfinden.

In welcher Weise wirken Hitlers Rede Ethos und Pathos zusammen?

a) Das Ethos selbst ist ein Affekt. Hitler erregt damit von Beginn der Rede an das Gefühl der Vertrautheit des »Zutraulich-Zutunlichen«. (16) Wenn er sein Ethos so darstellt, dass (oder strategisch: als ob) eine Wertgleichheit zwischen ihm und dem Publikum besteht, erlangt er Glaubwürdigkeit, Vertrauen und steigert die Aussicht, dass seine Aussagen akzeptiert werden.

b) Das Ethos eines Redners verbürgt mit einer gewissen Plausibilität, Dr er die Person(en), der (denen) gegenüber er einen Affekt erregen will, richtig charakterisiert und wahre Sachverhalte benennt. Hitler missbraucht dieses Ethos, indem er auf der Grundlage anscheinender Redlichkeit und Wahrhaftigkeit eindeutige Unwahrheiten verbreitet.

c) Der Redner braucht Kenntnisse der Ethosdarstellung, um sein Gegenüber im Affekt kennzeichnen zu können.

d) Die milde Affektstufe Ethos und das aufgebrachte Pathos sind situationsabhängige Variablen. Wenn der Redner in allen Situationen die »goldene Mitte«, eine ruhige, »ethische« Grundstimmung beibehielte, wäre das ein Fehlverhalten. Wenn es sich um eine Sache handelt, die empört, beschämt, wütend macht oder Bewunderung erweckt, zeigt sich das Ethos des Redners auch darin, dass er eine durchaus affektgesteigerte Mitte beibehält, die sich an der Redesituation bemisst. Begründeter Zorn ist ein Ethos.

e) Ethos und Pathos können verschmelzen, wenn z. B. Hitler durch die Darstellung eines bestimmten Ethos ein Pathos (z. B. der Ehrfurcht oder Bewunderung) im Hörer hervorruft, wie Quintilian es beschreibt:

"[...]. z. B. im Schlussteil der Rede; die Erregung, die das Pathos verursacht hat, pflegt das Ethos wieder zu besänftigen" (17)

Die Analyse von Hitlers Selbstdarstellung hat gezeigt, wie er in erster Linie durch Ethos und Pathos emotionale Zustimmung organisierte. Die Beobachtung von Hitlers Rhetorik führt zu dem Eindruck, Dr seine Rede den Antiken Rhetorikern als Muster für ihre Beobachtungen gedient haben könnte. Nur eines fehlt Hitlers Rhetorik ganz: ehrliche Aufrichtigkeit, Gewissen und Menschlichkeit. Er suggeriert Glaubwürdigkeit.

 Literatur: 
1. Diesem Beitrag liegen Ergebnisse einer umfangreicheren Studie zu Hitlers Rhetorik der
Kampfzeit zugrunde. Vgl. Ulrich Ulonska, Suggestion der Glaubwürdigkeit, Ammersbek 1990.
2. Traxel, W. (1963), Zit. nach Otto Ewert, Gefühle und Stimmungen; in: Hans Thomae, Handbuch
der Psychologie, Bd. 2, Göttingen 1965, S. 229-271, hier 224.
3. Zum Ziele-Taten Prinzip vgl. Ulonska, Suggestion S. 116 ff.
4 . Vgl. Ulonska, Suggestion, S. 168 ff.
5. Joseph P. Stern, Hitler. Der Führer und das Volk, München 1978, S. 11.
6. Aristoteles, Rhetorik, München 198o, S. 84.
7. Vgl. Ulrich Ulonska, Zur Rhetorik der Affekte, Sprechen II, (1.995), S. 29-38, hier: 32.
8. Vgl. Markus Wörner, Die argumentative Funktion von Affekten beim Reden, in: Wolfgang
Kühlwein, Albert Raasch (Hg.), Sprache: Lehren - Lernen, Bd. II, Tübingen 1981, S. 140-143, hier 141.
9. Der Text befindet sich in Ulonska, Suggestion, S. 310-326.
10. Hitler, Rede v. 12.4.1922, S. 10 (Zeile 18). Text in:  Ulonska: Suggestion
11. Hitler, Rede v. 12.4.1922, S. 11 (Zeile 39) - S. 15 (Zeile 8) Text in:  Ulonska: Suggestion
12. Hitler, Rede v. 12.4.1922, S. 16(Zeile 37) Text in:  Ulonska: Suggestion
13. Hitler, Rede v. 12.4.1922, S. 17 (Zeile:12 ff.) Text in:  Ulonska: Suggestion
14. Robert Heller, Das Wesen der Affekte, Leipzig 1946, S. 60.
15. Klaus Dockhorn, Macht und Wirkung der Rhetorik, Bad Homburg 1968,S. 67.
16. Dockhorn, Macht, S. 54.
17. Marcus Fabius Quintilianus, Ausbildung der Redners, 2 Bde., Darmstadt 1972 f., VI 2, 12