Aristoteles

Aristoteles: Die Rhetorik ist die Kunst,
die möglichen Überzeugungsmittel
zu finden.

Dr. Ulonska Training
Institut für Kommunikation
und Management

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Dr. Ulrich Ulonska: Zur Rhetorik der Affekte

Bearbeitete Fassung eines Textes, der auf der 26.  Jahrestagung der Gesellschaft für angewandte Linguistik (GAL) an der Universität Kassel (28.-30.09.1995) vorgetragen wurde.

I. Zum Dilemma der Affektanalyse

Zum überzeugenden Reden gehört in der Regel nicht allein die sachliche Beweisführung.  Diese Erkenntnis haben sich die Rhetoriker spätestens seit Aristoteles zu eigen gemacht, indem sie neben ethos und logos der gezielten Erregung von Affekten (pathos) eine zentrale Rolle im Überzeugungsprozess zuwiesen.  Dieser Unterscheidung liegt die alte platonische Dreiteilung des psychischen Geschehens in Denken, Fühlen und Wollen zugrunde.(1)

Ähnlich verfährt die moderne Sozialpsychologie, die den Einstellungsbegriff in drei konstituierende Komponenten differenziert: Affekt, Kognition, Verhalten.(2)

Um so erstaunlicher, dass die moderne Rhetorik sich mit der Argumentationstheorie fast ausschließlich dem Bereich Logos widmet.  Selbstdarstellung und Affekterregung werden zwar immer wieder nachdrücklich als weitere wichtige Teile benannt, doch bei der Benennung bleibt es dann auch.  In der modernen sprechwissenschaftlich orientierten Rhetorik liegen nach meiner Kenntnis zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Methoden für die pragmatische Analyse der, als doch so wichtig benannten Affekte vor. (3) Immer noch versuchen Schüler verzweifelt, z. B. Hitlers Wirkung als Redner durch Figuren der elocutio zu erklären und müssen dabei kläglich scheitern.  Dabei liegt es auf der Hand, dass rhetorische Figuren zwar den Affekt begleiten und verstärken können, dass eine bloße Anreicherung der Rede mit Figuren jedoch noch lange nicht einen starken Affekt im Sinne von pathos im Hörer auslöst.

Im Bereich actio kann eine Sprechausdrucksanalyse intonatorische Merkmale eines im Affekt begriffenen Sprechers beschreiben.  Durch die Anwendung dieser Mittel lassen sich sicherlich auch Stimmungen produzieren, wenn z. B. ein Sprecher unterschiedlich intoniert aus dem Telefonbuch vor liest.  Doch ist durch Intonation allein noch lange kein Affekt beim Hörer zu erzielen.  Denn beim pathos "als Überzeugungsgrund (geht es) nicht um die Weise des Ausdrucks subjektiven Erlebens des Redners, sondern um die des topisch bestimmbaren Eindrucks des Hörers.  Affekte, die zur Überzeugung beitragen, sind nicht so sehr Ausdrucksphänomene von Sprechern, sondern Reaktionsweisen von Rezipienten". (4)

Affekte sind nach Aristoteles "solche Regungen des Gemüts, durch die Menschen sich (... ) hinsichtlich der Urteile unterscheiden und die von Lust/Unlust begleitet sind,"( 5) d. h. Affekte sind mehr als intonatorisch (Bühler: Ausdrucksfunktion) oder durch ornatus (Bühler: Darstellungsfunktion) erzeugte Stimmungen, wie sie z. B. in der Rezitation vorliegen.  Affekte disponieren Zuhörer vor Gericht, in der Politik oder anderorts, Entscheidungen zu treffen, Handlungen zu tun oder zu unterlassen.

Aristoteles ging es nicht um eine umfassende Psychologie menschlicher Gefühle, sondern um eine pragmatische Funktionsbeschreibung des Affektes, als konstitutierendem Faktor menschlicher Meinungsbildung.

Wie aber lassen sich über Figurenlehre und "Spreche" und damit über elocutio und actio hinaus Affekte

a) rhetorisch analysieren und
b) ggf. erzeugen?

II. Ein Satz des Aristoteles

Vor elocutio und actio sind weitere Kernarbeitsgebiete der klassischen Rhetorik die inventio und die dispositio.  Zum pathos in diesem partes artes besteht in der modernen Rhetorik ein Forschungs- und Analysedesiderat. In der aristotelischen Rhetorik hingegen gibt es für inventio und dispositio präzise Aussagen, die die Analyse des pathos in Rede und Gespräch ermöglichen.

Im folgenden möchte ich den Schwerpunkt auf die dispositio legen. (6)

Um im Hörer z. B. Zorn zu erregen, gilt es nach Aristoteles dreifach zu unterscheiden:

1.) ... in welcher Verfassung sich die Zornigen befinden,
2.) gegenüber wem man gewöhnlich zürnt und
3.) über welche Dinge". (7)

Aristoteles weist ausdrücklich darauf hin, dass alle drei Aspekte beachtet werden müssen: "Denn wenn wir einen oder zwei von diesen Aspekten hätten, aber nicht alle, so könnten wir unmöglich Zorn erregen." (1980:84).  Zorn also muss sowohl unter dem Aspekt des 1.) Pathosträgers, 2.) des Pathosobjektes und 3.) des Sachverhaltes, weswegen er besteht, betrachtet werden (vgl.  Wörner 1981:62). Ähnlich verhält es sich nach Aristoteles mit der Erregung der anderen Affekte.  Nach Aristoteles gilt für die Affekterregung generell eine Reihenfolge von drei Schritten, die der Redner in genau dieser Abfolge einhalten soll.

Damit sind eine Strukturabfolge und ein Analyseraster- innerhalb der dispositio benannt.

Ich nenne dieses Prinzip im folgenden das SOG-Prinzip.  Zum einen, weil die Zuhörer, wenn sie dieser Disposition folgen, in den "Strudel" eines Affektes hineingesogen werden können, zum anderen, weil S, 0 und G die Anfangsbuchstaben der einzelnen aristotelischen Schritte bezeichnen.

Ich halte fest: Aristoteles benennt innerhalb des Arbeitsgebietes dispositio eine deutliche Strukturabfolge für die Affekterregung.  Diese Struktur lautet:

a) S wie Stimmung.  Der Redner muss die Zuhörer in eine bestimmte Stimmung bringen oder eine vorhandene Stimmung aufgreifen.
b) 0 wie Objekt.  Der Redner muss die Person oder Gruppe, der gegenüber der Affekt besteht, kennzeichnen
c) G wie Grund.  Der Grund des Affektes ist zu benennen.

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III. Moderne Ergänzungen

Aristoteles ergänzt das SOG Schema in einem Nebensatz durch den Hinweis: "Affekte sind... ) Regungen des Gemüts (... ), denen Schmerz bzw.  Lust folgen" (1378a; 1980:84).

Auch in dieser Hinsicht zeigt sich Aristoteles äußerst aktuell: er gründet seine Struktur damit auf das Prinzip von Spannung und Lösung, das auch modernen motivationspsychologischen Theorien zu Grunde liegt.

"Das Aktivitätskontinuum, das wir unter dem Aspekt der Motivation betrachten, wird gewöhnlich in einer spezifischen Gliederung sichtbar: (...) Der Beginn wird dabei (...) durch das Einsetzen eines "Mangel"-Zustandes, allgemein einer Gleichgewichtsstörung gekennzeichnet, das "Ende" durch die mehr oder weniger gelungene Wiederherstellung des Gleichgewichtes".(8)

Eine populärwissenschaftliche dargestellte Motivationsabfolge visualisiert dieses Geschehen wie folgt: (9)

rhetoriktraining 21

Affekterregung zielt demnach darauf ab, zunächst ein Aktionspotential im Hörer anzulegen, ein Spannungsverhältnis zu erzeugen, das der Redner dann dadurch ins Gleichgewicht bringt, dass er bestimmte Lösungen anbietet oder in der Folge bestimmter Handlungen eine Spannungslösung in Aussicht stellt. (10)

Wie aber lassen sich Gefühlswirkungen, die der Redner auslöst in den einzelnen Schritten zwischen Spannung und Lösung, Unlust oder Lust analytisch klassifizieren, beschreiben und im Gesamtzusammenhang psychischen Erlebens systematisch zuordnen?

Wenn man auf Grund empirischer Befragungen Gefühlserlebnisse in einer Skala zwischen den Dimensionen angenehm-unangenehm (Lust/Unlust; Bedürfnisspannung/Lösung) und Unterwerfung/Überhebung einordnet, führt das zu folgendem Ergebnis: (11)

a_Hitler1_1

Auf diesem Raster, lassen sich die einzelnen Phasen des SOG-Modells einordnen und in ihrer pragmatischen Abfolge auf der Zeitachse der dispositio darstellen. Dazu im folgenden zwei Beispiele.

IV.  Zur Analyse

Da heutzutage stark affektgeladene öffentliche Reden eher selten geworden sind, greife ich auf zwei Filmsequenzen zurück.

1. Beispiel aus dem Film: Wall Street.  USA.  Min. 86 ff.  Rede des Börsenmaklers Gekko vor der Aktionärsversammlung der Fa.  Teldar-Papers.

Phase 1 (S); Stimmung:
"Also ich weiß es zu schätzen, dass sie mir die Gelegenheit geben Mr. Cromwell, dass ich hier als der größte Aktionär von Teldar-Paper sprechen kann.  Meine Damen und Herren, wir sind nicht hier, um uns an unseren Phantasien zu berauschen, sondern es geht um die politische und ökonomische Realität. Amerika, Amerika ist zu einer zweitrangigen Macht geworden. Sein Handelsdefizit und sein Haushaltsdefizit kann man nur noch als Alptraum bezeichnen. Als unsere Wirtschaft noch nahezu jede Freiheit hatte, und unser Land die industrielle Weltmacht war, gab es noch Verantwortung gegenüber dem Aktionär.  Die Carnegies, die Malons, die Männer, die dieses große Industrieimperium aufgebaut haben, waren eine Garantie dafür, weil es ihr Geld war, das sie riskiert haben".

Phase 2 (0); gegenüber wem:
"Heutzutage hat der Vorstand kein Vertrauen in das eigene Unternehmen.  Alle zusammen, wie sie da oben hocken, besitzen weniger als drei Prozent des Unternehmens.  Wo investiert Mr. Cromwell sein Gehalt von einer Million Dollar?  Nicht in Teldar-Aktien.  Er besitzt weniger als ein Prozent.  Ihnen gehört das Unternehmen, ja richtig Ihnen dem Aktionär".

Phase 3 (G); über welche Dinge:
"Und sie alle werden reichlich übervorteilt von diesen, diesen Bürokraten mit ihren Steak-Essen mit ihren Jagd- und Angelausflügen, ihren Firmenjets und goldenen Fallschirmen. (Zwischenruf: das ist ja unerhört, sie sind ja impertinent) Teldar-Paper, Teldar-Paper Mr.  Cromwell hat 33 verschiedene Vizepräsidenten.  Jeder von Ihnen verdient mehr als 200.000 Dollar im Jahr. Ich habe mal versucht in den letzten zwei Monaten zu analysieren, was diese "Leute alles tun und es ist mir immer noch nicht klar.  Was ich allerdings genau weiß, ist dass unser Unternehmen. Voriges Jahr 110 Millionen Dollar verloren hat und ich wette, ich wette das meiste davon ist für den Papierkrieg zwischen all diesen Vizepräsidenten ausgegeben worden. (Unruhe) Die neue Regel in der Wirtschaft Amerikas scheint allmählich zu lauten: die Untauglichsten sollen an der Spitze stehen.  Aber nach meiner Meinung, macht es entweder richtig, oder verschwindet schnell".

2. Affekttrias.

Die Einstimmung ist gelegt, eine Emotion entzündet.  Deswegen kann der Redner in der folgenden zweiten Affekttrias sofort zur Lenkung übergehen. 

Er beginnt direkt mit der 2. Phase (0); gegenüber wem:
"Bei den letzten sieben Firmenübernahmen, an denen ich beteiligt war, haben 2,5 Millionen Aktionäre eine Gesamtsumme vor Abzug der Steuern von 12 Milliarden verdient. (Beifall) Ich zerstöre kein Unternehmen, ich befreie sie vielmehr".

3. Phase (G); Über welche Dinge.
"Der entscheidende Punkt ist doch, dass die Gier, leider gibt es dafür kein besseres Wort, gut ist.  Die Gier ist richtig, die Gier funktioniert.  Die Gier klärt die Dinge, durchdringt sie und ist der Kern jedes fortschrittlichen Geistes. Gier in all ihren Formen, die Gier nach Leben, nach Geld, nach Liebe, Wissen hat die Entwicklung der Menschheit geprägt. Und die Gier bedenken Sie diese Worte wird nicht nur die Rettung sein für Teldar-Papers sondern auch für diese andere schlecht funktionierende Firma, die USA.  Haben Sie vielen Dank".

Übertragen wir die einzelnen Phasen des S-O-G-Schemas auf das System der Gefühlsqualitäten von Traxel, erhalten wir folgende Struktur auf der Zeitachse der dispositio:

a) Die Stimmung ist eine gespannte Erwartung der Aktionäre in Bezug auf die Zukunft ihrer Firma.  Im ersten Affektschritt zeichnet Gekko eine düstere Untergangsstimmung des gesamten Amerika und beschwört zugleich die gute alte Zeit, die einstige, vergangene, wirtschaftliche Macht und Größe der USA.  Er benennt Namen herausragender Protagonisten dieser Epoche und erinnert an ihre Verantwortung gegenüber den Aktionären.  Ein Bedürfnisdefizit wird geweckt.

Wir befinden uns im oberen linken Quadranten des Koordinatenkreuzes.  Angst, Sorge, Trauer: eine unangenehme Unterwerfung. b) Im zweiten Schritt kennzeichnet er das Objekt der Emotion: den Vorstand der betreffenden Firma. c) Im dritten Schritt benennt der die Dinge, worüber der Affekt besteht: Unfähigkeit, Verschwendung und mangelndes Vertrauen des Vorstandes in die eigene Firma.  Der Vorsitzende selbst besitzt nur 1 % der Aktien.  Gekko. prangert Verschwendungen an: Steakessen, Jagdausflüge, Privatjets, 33 Vizepräsidenten mit entsprechenden Gehältern und vieles mehr. (In dieser Phase wiederholt der Redner die Phase 2 und 3 mehrmals).

Die Zuhörer empfinden Ärger.  Zorn.  Eine unangenehme Überhebung im oberen rechten Quadranten.  Immer noch ein Zustand der Spannung.

Es geht noch weiter:
Gekko schließt eine weitere Affekttrias an:

Die Stimmung ist bereits durch die erste Affekttrias gelegt: a) Ärger, Zorn etc, (oberer rechter Quadrant) Da er bereits Emotionen im Zuhörer entzündet hat, kann der Redner auf Phase 1 (S) verzichten und direkt mit Phase 2 (0) fortfahren: b) gegenüber wem. Gekko lenkt mit den nächsten Affektschritt auf sich: "An mir haben Tausende von Anlegern 12 Milliarden vor Steuern verdient."

c) über welche Dinge: Gier.  Gekko beleuchtet die Gier ausführlich und verbindet sie mit dem Eingangstopos Vaterland USA.

Der Redner führt die Emotionen der Zuhörer aus der unangenehmen Spannung, (im System der Gefühlsqualitäten nach Traxel (Abb. 3) zunächst unterlegen dann überlegen) zu einer angenehmen Überhebung (Triumph, Begehren, Freude; rechter unterer Quadrant des Koordinatenkreuzes) und letztlich sogar zu einer angenehmen Unterwerfung unter sich - und seine Ideen. (Anteilnahme, Hingabe, Ehrfurcht, unterer linker Quadrant.)

Durch zwei gekoppelte Affektstrukturen gelingt es Gekko, die Aktionärsversammlung a) gegen den Vorstand einzustimmen und b) für sich selbst zu gewinnen.

Ein vollendetes Beispiel für Selbstdarstellung durch Affekterregung. 

Ein 2. Beispiel aus dem Film: Der Club der toten Dichter.  USA.  Min 14 ff.  Die erste Stunde des Lehrers Keating vor einen neuen Klasse zum Schuljahresbeginn:

1. Phase; Stimmung (S):
"Ich möchte, dass sie jetzt vortreten und diese alten Fotos sorgfältig betrachten.  Sie sind oftmals an ihnen vorbeigegangen, aber ich glaube nicht, dass sie sie genau angesehen haben.  Sie sehen gar nicht so anders aus als wir, oder?  Derselbe Haarschnitt, vor Hormonen strotzend, genauso wie sie, unbesiegbar, genauso wie sie sich sehen. Die Welt steht ihnen offen, sie glaubten, sie seien für Großes vorherbestimmt, ebenso wie viele von ihnen, aus ihren Augen spricht die Hoffnung ebenso wie aus ihren, haben sie gewartet, bis es zu spät war, um aus ihren Leben auch nur einen Jota dessen wahr werden zu lassen, wozu sie fähig waren?"

2. Phase (0); Gegenüber wem:
"Denn sehen sie Gentlemen, diese Jungen dienen jetzt den Narzissen als Dünger".

3. Phase (G), über welche Dinge:
"Aber wenn sie ganz dicht herantreten flüstern sie ihnen ihr Vermächtnis zu.  Treten sie näher, hören sie hin, hören sie. --- carpe --hören sie es --- carpe --- carpe diem.  Nutzt den Tag, Jungen, macht etwas Außergewöhnliches aus euerem Leben..."

a) Situation und Stimmung (S) der Filmsequenz: Der Lehrer Keating sieht sich am ersten Schultag mit einem mäßigen Interesse seiner Schüler an Schule, Lyrik und Lernen Oberhaupt konfrontiert.  Sie empfinden Gleichgültigkeit, Widerwillen (Unangenehme Überhebung, oberer rechter Quadrant) und auch Stolz, Triumph (rechter unterer Quadrant).

Keating führt am Beispiel eines Gedichts den Topos "carpe diem" ein.  Die Schüler sind von Lyrik gelangweilt.  Er lenkt deren Aufmerksamkeit auf Fotos und Leben ehemaliger Schüler und arbeitet Parallelen heraus: "Seht sie auch an: voll von Hormonen, unbesiegbar, sie meinen, die Welt stünde ihnen offen, sie denken, sie seien für großes bestimmt, wie ihr. b) gegenüber wem (0): jetzt sind sie Dünger für Narzissen. c) über welche Dinge (G); Sie sprechen zu Euch.  Nutzt die Zeit.  Macht etwas außergewöhnliches aus eurem Leben. (Rührung, Ehrfurcht, Anteilnahme, angenehme Unterwerfung, linker unterer Quadrant.)

V. Ausblick

Bemerkenswert erscheint an diesen Beispielen vor allem die pragmatische Funktion der dispositio auf der Zeitachse.  Durch eine zeitliche Abfolge können Wirklichkeitswahrnehmung und emotionales Empfinden der Zuhörer gezielt gelenkt und strukturiert werden. (12)

Wenn z. B. von Hitler gesagt wird, dass von ihm ein "erstaunliches Fluidum" ausging, dass er eine "hypnotische Ausstrahlungskraft" besessen habe und die Zuhörer "seiner Magie" unterlegen seien, so geschah das aufgrund der Ermangelung einer geeigneten rhetorischen Analytik, die in der Lage ist, mehr zu erfassen, als die bloße argumentative Beweisführung.  Hitler gestaltete die Affektdispositio exakt so, wie Aristoteles es beschrieben hat. (13)

Das pathos ist jedoch mehr als ein blindes Gefühl.  Die Affekttrias birgt die Möglichkeit kognitiver Analyse der einzelnen Schritte und dies gerade macht es möglich, jemanden zu fragen, der zürnt, ob sein Zorn vernünftig ist. (14)

Wenn die Rhetorik, wie Klaus Pawlowski schreibt, die Aufgabe hat, "Voraussetzungen und Bedingungen für verbale Beeinflussungen zu untersuchen, die entsprechenden Beeinflussungsmittel zu beschreiben und zu systematisieren" (15),), dann eröffnet die rhetorische Analyse mit Hilfe der aristotelischen Affekttrias, Wege, vermeintlich irrationale Elemente gesellschaftlicher Realitäten besser zu begreifen und zu gestalten.

Anmerkungen
(1) Heinerth, K.: Einstellungs- und Verhaltensänderung.  München 1979:23.
(2) Stapf, K.: Einstellungsmessung und Verhaltensänderung.  In: Stachowiak, H.: Bedürfnisse, Werte, Normen im Wandel.  München 1982:78.
(3) sieht man von überwiegend philologischen Untersuchungen zum Pathos ab.  Vgl.: Schmidt, J.: Affektenlehre.  In: Ueding, G. (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik.  Band 1. Tübingen 1992:218 ff.  Eggs, E.: Die Rhetorik des Aristoteles.  FfM 1984.  Wörner, M.: Pathos als Überzeugungsmittel in der Rhetorik des Aristoteles.  In: Albert, K./Craemer-Ruegenberg, I. (Hrsg.): Pathos, Affekt, Gefühl.  Freiburg 1981:53ff.  Ders.: Charakterdarstellung und Redestil.  In: Kühlwein, W./Raasch, A.: Stil: Komponenten, Wirkungen.  Tübingen 1982:129 ff.  Ders.: Die argumentative Funktion von Affekten beim Reden.  In: Kühlwein, W./ Raasch, A. (Hrsg.) Sprache: Lehren und Lernen.  Bd. 2. Tübingen 1983:141ff.  Ders.: Selbstpräsentation im Ethos des Redners.  In: Zeitschrift für Sprachwissenschaft.  Göttingen 1984: 43 ff.  Zum Verhältnis Emotio-Ratio aus sprechwissenschaftlicher Perspektive vgl.  Bartsch, E.: Zum Verhältnis von Gefühlsaussage und rationaler Begrifflichkeit im Prozess des Redehandelns.  In: Slembek, E.: Miteinander sprechen und handeln.  FfM 1986:15ff.
(4) Wörner, 1984:46.
(5) Aristoteles: Rhetorik.  München 1980:84.
(6) Wer in Seminaren zur praktischen Rhetorik mit dieser Disposition experimentieren möchte findet die, für die inventio benötigten Pathostopoi im zweiten Buch der Rhetorik des Aristoteles Kapitel 2 bis 11. Aristoteles strukturiert die einzelnen Topoi weitgehend nach den drei Grundaspekten des SOG Schemas: a) die Stimmung/Disposition des Affektträgers, b) nach dem Pathosobjekt und c) nach den Sachgründen, warum ein bestimmtes Pathos entsteht (vgl.  Wörner 1981/67).
(7) Aristoteles 1980:84.
(8) Thomae, H.: Zur Allgemeinen Charakteristik des Motivationsgeschehens.  In: Graumann, C. F.: Sozialpsychologie.  Göttingen 1969: 95.
(9) Birkenbihl, V.: Psychologisch richtig verhandeln.  Landsberg 1986:81.
(10) Zu emotionalen Appellen vgl. besonders Dröge/Weißenborn/Haft: Wirkungen der Massenkommunikation.  FfM 1969:79 ff und 109.
(11) Traxel, W.: Lehrbuch der experimentellen Psycholgoie.  Bern/ Stuttgart 1963 und Ewert, 0.M.: Gefühle und Stimmungen.  In: Thomae, H.: Allgemeine Psycholgoie.  Band 2. Motivation.  Göttingen 1965: 224.
(12) Zu Topos und Wahrnehmungssteuerung vgl. auch Pawlowski, K.: Topos und Wahrnehmungssteuerung.  In: Geißner, H. (Hrsg.): Ermunterung zur Freiheit.  FfM 1990:253 ff. und Triandis, H. C.: Einstellungen und Einstellungsänderungen, Weinheim/ Basel 1975:150.
(13) UIonska, U.: Suggestion der Glaubwürdigkeit.  Ammersbek. 1990:267ff.
(14) Im Bereich der praktischen Politik bietet die Rede, die Philipp Jenninger im November 1988 vor dem deutschen Bundestag gehalten hat, ein Beispiel dafür, welche Wirkung u. U. erzielt wird, wenn die Strukturabfolge S-O-G in ihrem funktional-pragmatischen Zusammenhang nicht berücksichtigt wird.  Walter Jens hatte zu dieser Rede Hilfreiches angemerkt.  Die rhetorisch-pragmatische Affektanalyse mit Hilfe der Pathosdisposition S-O-G macht jedoch darüber hinaus erst deutlich, wie Jenninger durch die Verknüpfung der einzelnen Bestandteile seiner Rede die Emotionen im Deutschen Bundestag und in der bundesdeutschen Öffentlichkeit entfachte.  Vgl. dazu: Jenninger, Ph.: Rede zum 9.11.1938 (Text in: Die Zeit Nr. 47/1988, S. 2 ff.). Jens, W.: Ungehaltene Worte über eine gehaltene Rede. in: Die Zeit Nr. 47/1988:3.
(15) Pawlowski, K.: Rhetorik.  In: Stocker, IL: Taschenlexikon der Literatur und Sprachdidaktik.  Kronberg 1976:381ff.